Bilder und Geistliche Texte
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Wochenspruch für diese Woche

Schlussstein »Engel mit Rauchfass«

Weihrauch, damit er es darbringe

Engel mit Rauchfass

 

Was hält das Gewölbe über dem Nordportal? Ein Engel mit Rauchfass.

 

Der Engel im roten Gewand mit den goldenen Flügeln trögt eine lateinische Umschrift, die übertragen bedeutet: ... bringt dir diesen Weihrauch dar. Das ist ungewöhnlich für eine evangelische Kirche im 21. Jahrhundert, dass Weihrauch dargebracht wird. Aber natürlich war das damals im 13. Jahrhundert keine Frage, als die Kirche fertiggestellt war. In der Kirche auf dem höchsten Punkt der Stadt wurden die heiligen Messen gefeiert, wie wir sie auch heute noch aus unseren katholischen Schwesterkirchen kennen. Und so könnte dieser Schlussstein, unter dem im 20. Jahrhundert schon einmal bei einer Fronleichnamsprozession ein Segensaltar gestanden hat, auch ein ökumenisches Symbol sein. Und: unbiblisch ist die Darstellung ja sowieso nicht.

 

Der Seher Johannes berichtet davon (Offb. 8,3 f.), wie das letzte Siegel des Buches mit den sieben Siegeln geöffnet wird. Da entstand eine Stille im Himmel, etwa eine halbe Stunde lang. Dann sieht der Seher in seiner Vision sieben Engel, die vor Gott stehen. Und denen werden sieben Posaunen gegeben. Dann kommt ein achter Engel dazu und tritt an den Altar mit einem goldenen Räuchergefäß- Und dann wird ihm viel Räucherwerk gegeben, Weihrauch, damit er es darbringe - mit den Gebeten aller Heiligen (siehe auch den Schlussstein mit Maria und Johannes dem Täufer als Fürbittende)- auf dem goldenen Altar vor dem Thron. Der Weihrauch. jenes weiße Baumharz, dessen Verbrennung einen kräftigen und würzigen Duft verbreitet, steigt empor mit den Gebeten der Heiligen zu Gott.

 

Das muss ein feierlicher Augenblick gewesen sein. Viel festlicher, als das heute in den Gottesdiensten dargestellt werden kann. In jedem Fall ist es nicht typisch katholisch, sondern eher typisch biblisch. Es ist der Ausdruck einer besonderen Feierlichkeit, wenn wir musizieren und wenn wir beten. Und es ist ein Vorgeschmack dessen, was einst im Himmel sein wird. und schließlich ist Weihrauch auch eine jener königlichen Gaben, die weise Männer aus dem Osten dem neugeborenen Jesuskind an die Krippe nach Bethlehem bringen (Mt 2,1 f.). Nichts Geringes also!

 

Der Engel, den der Künstler hier darstellt, ist bei dem, was er tut, in Bewegung. Das muss er auch. Es ist vielleicht keine allzu schwere Arbeit, das Weihrauchfass zu bedienen. Aber es ist offenbar eine Arbeit, ein Dienst, bei dem der ganze Körper beteiligt ist. Dieser Dienst für Gott, dieser Gottesdienst kann einen eben nicht unbeteiligt lassen, sondern setzt einen in Bewegung. Damals wie heute.

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© Günther Dreisbach